Der Tagesspiegel v.16 Juli, 2000 (seite 32), Berlin

 

Fährboot im Wackelpudding - Tagung über “Grenzgänger der Literatur--Übersetzen als Beruf”

Das finnische Wort “kääntää” bedeutet drehen, wenden, biegen, umkehren, falten - und übersetzen. Im Italienisch bietet sich das Wortspiel “traduttore - traditore” an: Übersetzer und Verräter. Das Sanskrit kennt als “Sprache der Götter” den Begriff Übersetzer überhaupt nicht, da es allen anderen Sprachen als “Barbarenidiome” abqualifiziert. Diese Erkenntnisse zum Thema “Übersetzen - Umsetzen” vermittelten einen ganzen Arbeitstag, acht Stunden lang, Videoinstallationen der HdK-Medienkunstklasse von Maria Vedder im Literarischen Colloquium. Wie grüne Götterspiele in Nahaufnahme waberte dem Betrachter das Wasser des Wannsees in der Installation “Das Fährboot” von Lee Henderson und Thomas Ladenburger entgegen. Die Kamera wurde zur schwimmenden Metapher des “übersetzenden” Fährboots.

Am Tag der Ankunft des “literaturexpress europa 2000” kamen im LCB jene zu Wort, die durch ihre Vermittlungsarbeit das imposante Unternehmen erst möglich machten: die Übersetzer als “Grenzgänger der Literatur”. Die Moderatoren Peter Klöss und Frank Heibert (der für den erkrankten Hinrich Schmidt-Henkel eingesprungen war) hatten sich große Mühe gegeben, das oft als mausgrau beklagte Übersetzerdasein in möglichst schillernden Facetten vorzustellen. Ljobmir Iliev berichtete von den ideologischen Schwierigkeiten einer Faust-Übersetzung öffnete ungeahnte Dimensionen bei der Rezitation von Lyrik in der Gebärdensprache. Yuko Tawada führte die Übersetzung als Quell der Inspiration vor: Die vermeintliche sprachliche Sicherheit ist fur sie nicht kreativ. Erst die Übertragung vom Japanischen über das Russische ins Deutsche als Verwandlung von Begriffen fördere den poetischen Text zutage. Allerdings kann er bei diesem Vorgang auf die dreifache Zeichenmenge anwachsen.

Nach all diesen künstlerischen Höhenflügen überraschte der Chefdolmetscher Kermann Kusterer mit Anekdoten aus dem wahren Leben, so wie es sich unter der Präsidentschaft Heinrich Lübkes zutrug. Kusterer, 1927 in Ulm geboren, dolmetschte unter anderem bei den Verhandlungen über den deutsch-französischen Vertrag von 1963 zwischen Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, außerdem leitete er bis zu seiner Pensionierung den Sprachdienst des Auswartigen Amtes. Er unterschied in seinem reichen Erfahrungsschatz zwischen exakten Sprechern wie Adenauer, dessen “unnachahmliche Einfachheit” er lobte, disziplinlosen Rednern wie Ludwin Erhard (“Auf diesem Stantpunkt stehend zeuge ich für Deutschland”) und einem Kandidaten wie Lübke, der es zwar gut gemeint, sich aber unentwegt im Ausdruck vertan habe. Jeder Fehler des Original-Sprechers, su Kusterers leidvolle Erfahrung, werde dem Dolmetscher angelastet. Er stand dem Abend gut, dieser unerwartete späte Abglanz des Bonner Petersbergs.

--Katrin Hillgruber